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Lohnarbeit macht krank PDF Drucken E-Mail
Mittwoch, den 24. März 2010 um 00:00 Uhr

Laut Therapeuten sind in Deutschland immer mehr Arbeitnehmehmer aufgrund ihrer Erwerbsarbeit von sogenannten psychischen Erkrankungen betroffen. Nach Angaben der Bundestherapeutenkammer haben sich die Krankschreibungen aufgrund psychischer Erkrankungen seit 1990 verdoppelt. So heißt es in einer nun veröffentlichten Studie, dass inzwischen knapp elf Prozent aller Fehltage auf psychische Erkrankungen zurück gehen. Der starke Anstieg ist jedoch überwiegend rein statistischer Natur und korreliert vielmehr mit der Zunahme der Diagnosen von psychischen Erkrankungen.

Diese wiederum basiert allerdings weniger auf verfeinerten diagnostischen Methoden als zunächst einmal nur einem allgemeinen Trend innerhalb der Schulmedizin, die von kapitalistischen Profitinteressen getrieben, inzwischen auch im Bereich der Psychatrie und Psychotherapie verstärkt einen äußerst lukrativen Absatzmarkt entwickelt hat. Dabei profitiert die Schulmedizin insbesondere von den herrschenden sozioökonomischen Verhältnissen, die Menschen im Rahmen der gegenwärtigen kapitalistischen Produktionsprozesse überwiegend auf reine Nützlichkeits- und Verwertbarkeitsfunktionen reduziert und dabei von natürlichen individuellen, sinnstiftenden Lebensrealitäten entfremdet.

Die ebenfalls diesen Prozessen, gemäß den etablierten kapitalverwertenden Gesellschaftstrukturen unterworfene Schulmedizin, verstärkt diese Verhältnisse tendenziell, da sie dementsprechend vorwiegend von Krankheiten bzw. Diagnosen, und nicht etwa von gesunden Menschen lebt. Selbst von gesunden Menschen lebt sie dabei nur in dem Maße, in dem sie zu einem späteren Zeitpunkt erneut behandlungsbedürftig, und somit profitabel werden. Der schulmedizinische Trend hin zu sogenannter Psychosomatik und psychischen Erkrankungen zeigt sich am deutlichsten in der erfundenen und in den vergangenen Jahren etablierten Pseudodiagnose "Burn out", die in früheren Jahren noch als leichte oder mittelschwere Depression bezeichnet wurde. Die Geschichte der Schulmedizin ist stets auch eine Geschichte der Umdefinition, Modifizierung und Neuerfindung von Symptomatiken und Krankheitsbildern.

Im Bereich psychischer Erkrankungen weist auch die Bundestherapeutenkammer abgeschwächt bzw. verfälscht darauf hin, indem sie darlegt. dass etwa die zunehmenden Diagnosen von psychischen Erkrankungen heute eher erkannt werden würden als früher. Laut Kammerpräsident Rainer Richter etwa seien psychische Erkrankungen jahrelang übersehen oder nicht richtig diagnostiziert worden. Dies ist bis zu einem gewissen Grad zutreffend, liegt aber im Besonderen auch daran, dass die Diagnose einer psychischen Erkrankung ein innerhalb der Schulmedizin, aufgrund kapitalistischer Interessen erst in den letzen Jahren gezielt verstärkter Trend ist.

Positiv ist die Studie über die Häufigkeit der heute offiziell diagnostizierten psychischen Erkrankungen aber gerade und trotz alledem in der Hinsicht, dass sie diese wichtige, nicht zu unterschätzende Tatsache ins Licht der Öffentlichkeit rückt: Dass Lohnarbeit nicht nur körperlich, sondern auch psychisch krank macht. Nebenbei versucht die Studie auch die Ursachen dieses Umstandes zu ermitteln, geht dabei jedoch nicht in die Tiefe der Betrachtung gegenwärtiger fundamentaler Gesellschaftsstrukturen. Durchaus kann sie aber den Weg zu einer kritischen Betrachtung der derzeit noch recht zagaft und wenig hinterfragten und erkannten krankmachenden, weil unnatürlichen Lebensumstände ebnen, denen die Menschen durch die sogenannte moderne Ökonomie der Kapitalverwertung ausgeliefert sind.

Die Studie der Bundestherpeutenkammer spricht in diesem Zusammenhang von spezifischen Belastungen der modernen Arbeitswelt. So wird insbesondere das Problem der hohen Anforderungen in Arbeitsprozessen bei gleichzeitigen geringem Einfluss auf diese als eine der häufigsten und entscheidenden Ursachen bei psychischen Erkrankungen. Als weitere krankmachende Faktoren werden darüber hinaus besonders auch Niedriglöhne und soziale Anerkennung genannt. So sind etwa hoher beruflicher Einsatz bei jedoch dessen geringer Honorierung in finanzieller und/oder sozialer Hinsicht häufig Ursache für psychische Erkrankungen. Stark betroffen sind daher insbesondere Dienstleistungsberufe, und bei diesen wiederum besonders im Sozial- und Gesundheitswesen, sowie in öffentlichen Verwaltungen. Damit also in Berufsfeldern, in denen entweder hohe oder vollkommen abstrakte, Lebenswirklichkeitsfremde Leistungsanforderungen stehen, bei gleichzeitig geringem Einkommen, und damit also bei kaum weder finanzieller noch sozialer Anerkennung.

Dies bestätigt auch der Präsident der Bundestherapeutenkammer bei der Vorstellung der Studie, der betont, dass insbesondere derjenige gesund bleibe, der "erlebt, dass er Einfluss auf seine Tätigkeitsabläufe hat und sein Arbeitseinsatz angemessen honoriert wird, durch Anerkennung, aber auch durch die Vergütung“, so Richter. Als wirksame Maßnahmen zur Verhinderung psychischer Erkrankungen verweist er dementsprechend explizit auf die derzeitigen Arbeitsbedingungen innerhalb der kapitalistischen Produktionsstrukturen. Denn diese müssten so gestaltet werden, dass Arbeitsstakkato und Überforderung vermieden werden. Darüber hinaus müsse auch der Einzelne mehr Kontrolle über seine Arbeitsabläufe bekommen. Diese Lösungsansätze weisen letztlich in die Richtung, in der die derzeitigen Leistungsfetischisten Arbeitsstrukturen aufgebrochen und zugunsten individueller, flexibler, kreativer, Sinnstiftender und viel Lebensnäherer Tätigkeitsmuster ersetzt werden. Damit einher kann auch ein wesentlich differenzierteres Arbeitsverständnis gehen, im Vergleich zur bisherigen eindimensionalen, von mechanistischen, industriellen Produktionsstrukturen geprägten, weitestgehenden Reduzierung des Arbeitsbegriffes auf dementsprechend mechanistische, fremdbestimmte und abgestumpfte Tätigkeitsabläufe, wie sie innerhalb der kapitalistischen Ökonomie derzeit noch maßgeblich sind.

Das wirksamste und effizienteste Werkzeug zur schrittweisen Etablierung freier und selbstbestimmter Tätigkeitsstrukturen bildet das Bedingungslose Grundeinkommen. Ein bedingungslos an alle Bürger ausgezahltes Grundeinkommen würde die Menschen von den derzeitigen feudalen und vorbestimmenden kapitalistischen Arbeitsstrukturen emanzipieren, und ihnen damit gänzlich neue Perspektiven für ihre individuelle Lebensgestaltung und Tätigkeitsausübung eröffnen, sei es innerhalb oder außerhalb kapitalistischer Produktionsprozesse, und ist dementsprechend nicht nur ein Garant für eine dann endlich auch faktisch, und nicht nur formal garantierte Freiheit und Würde des Menschen, und damit wiederum auch für deren wesentlich bessere Gesundheit. Denn so belegen es die Ergebnisse der jüngsten Studie über psychische Erkrankungen durch Erwerbsarbeit letztlich eindeutig, dass die größten Erkrankungsrisiken innerhalb der derzeitigen sozioökonomischen Strukturen die mangelnde Freiheit und Würdigung der Menschen ist.

Dazu gehört im ganz besonderen Maße auch die Überwindung der ideologisch und machtpolitisch motivierten Problematisierung eines gesellschaftlichen Phänomens, das eigentlich ein rein ökonomisches ist, und vor allem kein reales gesellschaftliches Problem darstellt: Die sogenannte "Arbeitslosigkeit". In ihr spiegelt sich letztlich das ganze Ausmaß an Perspektivlosigkeit und Unterwürfigkeit, mit der sich die Gesellschaft kapitalistischen Produktions- und Arbeitsstrukturen unterworfen hat, und damit zwangsläufig Freiheit und Würde des Einzelnen zugunsten völliger Abhängigkeit von rein industrieller Kapitalerzeugung aufgegeben hat. Wenig verwunderlich ist dementsprechend, dass Arbeitslosigkeit auch in der Studie der Bundestherapeutenkammer ganz explizit als eine der Hauptursachen für psychische Erkrankungen genannt wird. Die derzeitige Perspektivlosigkeit der Gesellschaft, insbesondere in Hinsicht auf Finanzierung und Tätigkeiten, äußert sich vor allem in Sinn- und Selbstwertkrisen, in die Menschen durch den Verlust ihres Erwerbsarbeitsplatzes fallen, der ihnen Einkommen, Tätigkeitsausübung und sozialen Status versprochen hat.

Das dies alles andere als natürliche und Sinnstiftende Lebensumstände sind, zeigt sich darin, dass laut Studie Arbeitslose drei- bis viermal so häufig psychisch krank werden, wie Erwerbsmäßig Beschäftigte. Gerade hier zeigt sich dann auch die Notwendigkeit des Bedingungslosen Grundeinkommens, als nachhaltige Perspektive, die verdeutlicht, dass Einkommen keineswegs rein ideologisch motiviert als vorgeblicher Leistungsausgleich von einem fragilen Produktionssystem abhängig sein muss, sondern durchaus auch nachhaltig und leistungslos von der Gesellschaft als Ganzes selbst erzeugt und geleistet werden kann. Unter solchen Verhältnissen ist Arbeitslosigkeit weder gesellschaftliches Stigma, noch Problem, sondern vielmehr Chance, das Leben eigenverantwortlich zu gestalten. Denn in einer Grundeinkommensgesellschaft können Menschen ihre sowohl individuell, wie auch gesellschaftlich relevanten Tätigkeitsmuster eigenständig bestimmen und gestalten. Dies bedeutet, dass Lohnarbeit keine Norm mehr, sondern nur noch eine spezifische Form von Tätigkeitsausübung ist, und dementsprechend Arbeitslosigkeit nicht mehr existiert. Und damit wiederum eine der Grundvoraussetzungen, nicht nur für die Freiheit, sondern auch für die Gesundheit der Menschen gelegt ist.


Lesetipps:

Das Bedingungslose Grundeinkommen
Die Neue Medizin

 

 

 

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Freiheit durch Grundeinkommen - statt Arbeitskult

Anhand der aufkommenden und zunehmenden Diskussionen um ein Bedingungsloses Grundeinkommen zeigt sich, dass es dabei vor allem um das bisherige, bestehende Konzept von Ökonomie und Sozialstaat geht. Es zeigt sich, dass sich die Gegner dieses Konzeptes eines Bedingungslosen Grundeinkommens zutiefst bedroht fühlen. Völlig zurecht.

Das bedingungslose Grundeinkommen reformiert die gegenwärtige Ökonomie und Gesellschaftsordnung nicht nur – es zersetzt diese grundlegend. Bedroht sind dabei allerdings nicht Ökonomie und Gesellschaft an sich, sondern vielmehr die bestehende paternalistische und feudalistische Zwangsarbeitsgesellschaft und der an diese geknüpfte Sozialstaat.

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